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  Ulm | „And why do people who read Dostoevsky always look like Dostoevsky?“

PJ Harvey - To Bring You My Love
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Man kennt sie ja, diese Lieder, die sofort ins Ohr gehen oder das Herz auf eine ganz besondere Weise berühren. „To bring you my love“, der erste Song aus dem gleichnamigen Album von PJ Harvey aus dem Jahr 1995, ist damit nicht zu vergleichen. Dieses Lied bohrt sich einfach mit einer vibrierenden Intensität in jede Nervenfaser, eine von außen kommende Kraft, die ihre musikalische Information im gesamten Nervensystem verteilt. Dabei fängt es eigentlich ziemlich ruhig an - ein gleichmäßiger Sound, der vor allem durch die tiefe Orgel wie ein herannahendes Gewitter, das jederzeit losbrechen könnte, durch den Raum wabert. Spätestens wenn PJ Harvey manisch wiederholend die Zeile „To bring you my love“ singt und das Wort „Love“ bis zur Schmerzgrenze, und darüber hinaus, auseinander zieht, weiß man, dass man mittendrin ist. Der Verlust. Das Verlangen. Die aufopferungsvolle Hingabe. Das alles wird mit einer Nachdrücklichkeit besungen, dass man gar nicht anders kann als mitzufühlen. Sämtliche vegetative Körperfunktionen richten sich danach aus. Nach 5:32 bleibt das Gefühl, von diesem Lied komplett bezwungen worden zu sein.
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Und das ist hier erst der Auftakt, ein Highlight gleich zu Beginn des Albums, das dieses hohe Niveau über die gesamte Spieldauer halten kann. Da wäre z.B. noch das gitarrengetriebene „Long Snake Moan“, das selbst Jimmy Page und Robert Plant vor Neid erblassen lässt. Oder „Down by the water“, das immer so einen gruselig-märchenhaften Vibe versprüht und das einen unweigerlich dazu bringt „Little fish, big fish, swimming in the water“-flüsternd durch die Gegend zu laufen. Irritierte Blicke von Mitmenschen inklusive.
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Dieses Album gehört wohl zu den besten Alben der 90er, und ist dabei so zeitlos schön, dass es auch heute noch funktioniert. Und auch in die 1920er-Serie „Peaky Blinders“ fügen sich die Songs ein, als wären sie genau dafür geschrieben.
Eigentlich ist es ja fast unmöglich, unter all den großartigen Platten von PJ Harvey einen klaren Favoriten zu benennen. Für heute ist es aber definitiv „To Bring You My Love“.
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#pjharvey #tobringyoumylove #vinylcollection #audiophile #vinylcollectionpost

Ulmer Zelt.
Calexico. Gisbert zu Knyphausen. 5 Sterne Deluxe.
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#ulm #ulmerzelt #naturephotography #clouds #naturegram #ulmliebe #springvibes

Markus Feldenkirchen - Die Schulz Story
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In den Bestsellerlisten liegen momentan die Bücher rund um Donald Trump weit vorne. Verständlich, ist diese wahr gewordene bizarr anmutende House-of-Cards-Show doch faszinierend und abschreckend zugleich, kurzum: unterhaltsam. Wörter, die man mit der deutschen Politik erst mal nicht verbindet. Sollte man also ein Buch lesen, das den langweilig scheinenden Wahlkampf '17 aus Sicht des Kanzlerkandidaten Martin Schulz Revue passieren lässt? Die Antwort lautet: Unbedingt!
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Der Journalist Markus Feldenkirchen, der Schulz über mehrere Monate bis zum Wahlabend begleitete, öffnet mit „Die Schulz Story“ den politischen Vorhang und ermöglicht einen interessanten Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs. Dabei bleibt Feldenkirchen natürlich immer in der Rolle des Beobachters, seine Beschreibungen sind angenehm sachlich-nüchtern, was aber keineswegs bedeutet, dass Langeweile aufkommen könnte. Dazu spielen sich in den Wahlkampfmonaten auch einfach zu groteske Dinge ab, die komplett fassungslos machen! Beispiele hierfür sind das absolut unvorstellbare Ausmaß an Planlosigkeit der SPD bezüglich Strategie, Struktur und Organisation der Schulz-Kampagne oder die fanatische Fixierung auf Umfragewerte, die jeglichen politischen Diskurs erstickt.
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Und dann ist da ja noch Martin Schulz selbst, dessen Ziel es war, einen ehrlicheren Politikstil zu etablieren, und der am Ende für viele die pure Machtversessenheit verkörpert. Feldenkirchens Reportage schafft es nun, ein Gefühl oder sogar Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen zu vermitteln. Man blickt auf einen Menschen, der im Wahlkampf die Leichtigkeit verliert, Verzweiflung und Selbstzweifel nehmen immer mehr Raum ein. Es ist aber auch der Blick auf einen Menschen, der mit seiner humorvollen Art, seinen Stories und ja, auch der oftmals unfreiwilligen Situationskomik den Leser zum Schmunzeln bringt. Schulz wirkt nahbar, aufrichtig, emotional. Man merkt: da ist einer, der will. Der letztendlich aber aufgrund verschiedenster Faktoren scheitert und der vielleicht ein Paradebeispiel dafür ist, was die Berliner-Politik-Maschinerie mit einem Menschen anstellt.
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1999/2015: Is this the real life? Is this just fantasy?
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Notizbuchfetischisten wissen es: Schreiben ist eine wunderbare Art der Copingstrategie, um bestimmte Dinge loszuwerden und gleichzeitig doch daran festzuhalten. Aber ist das, was wir uns notieren oder in einem Tagebuch von der Seele schreiben, die Realität oder doch schon Fiktion?
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Unter anderem mit dieser Frage setzt sich Thorsten Nagelschmidt in seinem neuen Roman „Der Abfall Der Herzen“ auseinander. Die Wiederbegegnung mit einem alten Freund löst in ihm einen Prozess der Erinnerungssuche aus, der eine alles andere in den Hintergrund rückende Eigendynamik entwickelt und den turbulenten Sommer '99 aufarbeitet: Provinzleben, Jugend, enttäuschte Liebe, Freundschaft, Musik - alles festgehalten in unzähligen Tagebucheinträgen, die somit zugleich die Basis dieser Rekonstruktion bilden.
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Klingt nach einer guten Mischung aus Knausgård’scher Selbstbespiegelung und Coming-of-Age-Roman? Ja, vielleicht ist es das auch ein Stück weit, aber die Besonderheit dieses Romans liegt in seiner zusätzlichen wahrnehmungspsychologischen Komponente. Das Sich-Erinnern, der Erinnerungsverlust, die Verschiebung von Perspektiven und Wahrheiten, all das steht hier im Fokus. Die Geschichte ist dabei immer dann besonders interessant, wenn verschiedene Versionen bestimmter Ereignisse aufgelistet werden, zeigt es doch, wie fragil die eigene Wahrnehmung ist und wie Zeit, Verzerrungen oder Verdrängung auf unser Gedächtnis wirken. Am Ende ist man sich dann selbst nicht mehr ganz so sicher, wo die Grenze zwischen Realität und Fiktion verläuft. Und auch die Frage, ob im heutigen Smartphone-Zeitalter mit seinem exzessiven Mitteilungs- und Dokumentationsdrang, die eigene Geschichte besser oder wahrheitsgetreuer konserviert wird, ist definitiv eine Überlegung wert.
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#thorstennagelschmidt #derabfallderherzen #bookstagram #bücher #lesen #literature #bibliophile #bookworm #ilovebooks #ulm

Das ist zwar nicht die Elliott-Smith-Wand, hat mich aber trotzdem an das Figure-8-Artwork erinnert.
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Vielen lieben Dank an die wunderbare @1718hc die mir mit diesen Karten (letztens erst Basquiat, ich schwärme immer noch) immer wieder so viel Freude macht. Das hat schon etwas sehr Erhellendes 🖤
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#postkarte #mural #elliottsmith #postcard #audiophile #bibliophile #bookstagram #instaverbindet #ulm

Die logische Konsequenz der Go-Betweens-Phase: ein Post zu Robert Forsters letztem Album „Songs to play“. Weil ich es so sehr mag. Und weil es in den letzten Tagen hier in Dauerschleife lief und ich sagen kann, dass jede Minute auf diesem Album einfach unentbehrlich ist, voll von exquisiten Melodien und literarischen Texten, und das alles immer irgendwo zwischen durchaus lässig und selbstironisch („A poet walks“, „I love myself (and I always have)“), und herzerwärmend schön („Turn on the rain“, „Disaster in motion“). Und auch wenn Robert Forster, der mal gesagt hat, er schreibt zwei, drei Songs im Jahr, nochmal acht Jahre für das nächste Album brauchen sollte: auf diese Musik warte ich gerne!
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Achja, die Vorlage für das tolle Plattencover war übrigens das Gemälde „Betty“ von Gerhard Richter. Kleinigkeiten, die mich freuen :)
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#robertforster #songstoplay #thegobetweens #vinylcollection #recordcollector #vinylcommunity #audiophile #vinyligclub #vinylettes #vinylcollectionpost #minimalism #ulm

Die besseren The Smiths!
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Mai 2005. Auf einer Musikexpress-CD entdecke ich den Song „Finding you“ der mir damals noch unbekannten Band The Go-Betweens und ich bin sofort entzückt. Ein Lied für die Ewigkeit! Und die Band eine absolut lebensbereichernde Neuentdeckung für mich. Ein Jahr später stirbt Grant McLennan, der zusammen mit Robert Forster Ende der 1970er die Go-Betweens gegründet hatte.
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Robert Forster hat nun mit seinem Buch „Grant & ich“ dieser Band, aber vor allem seiner Freundschaft zu Grant McLennan ein literarisches Denkmal gesetzt. Unaufgeregt und warmherzig erzählt Forster von der ersten Begegnung mit McLennan, den Anfängen der Band, dem Alltag der Musiker, den Umbrüchen und Irrwegen, immer den endgültigen Durchbruch vor Augen, doch die große Karriere legten andere hin (The Smiths. Nick Cave. R.E.M.). The Go-Betweens blieben der Geheimtipp, die am meisten unterschätzte Band der Rockgeschichte, was angesichts der Brillanz und der Stärke der Lieder heute beinahe absurd wirkt. Erst mit der Zeit erhielt die Band die Anerkennung, die sie verdiente.
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Was dieses Buch so besonders macht, ist die unglaublich charmante Erzählweise von Robert Forster. Es ist eben nicht das schnöde Heruntererzählen von Fakten und Daten, kein unnötiges Namedropping, nein es ist so viel mehr. Zum einen sind da diese kleinen, witzigen Anekdoten rund um die Band (zB die Überlegung, die Band „The Godots“ zu nennen, natürlich mit dem Slogan „Die Band, auf die Sie gewartet haben“. Oder der Entschluss von Forster, sich mit 29 Jahren die Haare grau zu färben und der „alte Mann des Rock“ zu werden, als Gegenpol zu all den schlecht alternden Rockstars.), zum anderen spürt man mit jedem Wort, mit jeder Zeile Forsters Bewunderung für Grant McLennan und diese tiefe Verbundenheit und Liebe. Es ist so schön, dass man weinen möchte.
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Ich kann allen Musikfans dieses Buch nur sehr ans Herz legen, aber auch allen, die diese Band kennenlernen möchten. Und mal ehrlich: es gibt nichts schöneres als sich gegenseitig Passagen aus „Grant & ich“ vorzulesen, der Musik und deren Entwicklung zu lauschen und zu diskutieren. Abtauchen in die Go-Betweens-Blase.
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#thegobetweens #bookstagram

„Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion - also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. [...] Aber das alles ist nicht durchsetzbar, solange das Nationalbewusstsein gegen alle historischen Erfahrungen weiter geschürt wird und solange der Nationalismus weitgehend konkurrenzlos ist als Identifikationsangebot an die Bürger.“
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(Robert Menasse - Die Hauptstadt)
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